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Scheußliche Werbung (Febr. 2015)

Dass das Internet, überhaupt die gesamte IT-Technik, zu einem Netz von fragwürdigen oder gar missbräuchlichen Datenströmen auswuchert, sollte jedem Internet-Benutzer inzwischen klar sein. Doch leider wird das alles nicht so richtig wahrgenommen, oder man hat sich eine Art von Ignoranz gegenüber den Missständen angewöhnt - aus Bequemlichkeit, mangelnder Sensibilität oder aus welchen Gründen auch immer. Zu den mehr als fragwürdigen Erscheinungen gehört die personenbezogene Werbung. Dabei werden in Kenntnis der persönlichen Vorlieben von Kunden gezielt Artikel angepriesen, für die sich der spezielle Kunde wahrscheinlich besonders interessiert. Diese Form der Werbung ist natürlich viel effektiver als das allgemeine Anpreisen von Produkten.

Solche Werbung kann selbstverständlich nur funktionieren, wenn Kenntnisse über die Vorlieben des einzelnen Kunden vorliegen. Wenn ein Kunde dem Geschäft gut bekannt ist, kann er z.B. seitens des Geschäftes gezielt angesprochen und beworben werden, dagegen ist nichts einzuwenden. Kritischer wird's schon, wenn der Kunde nicht direkt bekannt ist und seine Vorlieben durch Analyse des bisherigen Kaufverhaltens ermittelt werden. Dazu sind viele Daten erforderlich, und die Algorithmen, mit denen solche Vorlieben berechnet werden, sind sehr komplex und können von normalen Geschäften und selbst Ladenketten kaum entwickelt und gepflegt werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass vertrauliche Daten, und das sind Kundendaten immer (!), von Fremdfirmen ausgewertet werden.

Hier bewegt man sich bereits in der Grauzone zwischen fragwürderiger Datenschieberei und kriminellem Datenmissbrauch, je nachdem, wie weit die relevanten Daten personifizierbar sind. Damit wird auch der Widerspruch deutlich: Wenn personifizierbare Daten ohne explizite Erlaubnis der betroffenen Personen weitergereicht werden, ist das krasser Datenmissbrauch. Andererseits verlangt ja gerade die personenbezogene Werbung eine Zuordnung von Produkten und Personen. Damit steht personenbezogene Werbung fast immer mit einem Bein außerhalb der Legalität. Dass solche Missbräuche noch nicht strafrechtlich relevant sind, zeigt nur, wie rückständig die gesamte Politik in Sachen Datensicherheit und Datenmissbrauch agiert, und dass das Unrechtsbewusstsein weit hinter der Entwicklung herhinkt.

Nun zu einem ganz konkreten Fall aus meinem Erfahrungsbereich. Seit langem sind wir Kunde bei einem Textilversand, nennen wir ihn PUH (Pullover und Hose). Die Firma bietet zum großen Teil natürliche und nachhaltig gewonnene Produkte von hoher Qualität an, allerdings auch zu beachtlichen Preisen. Letzteres ist der Grund, warum wir nur gelegentlich ein Stück kaufen; mehr können wir uns nicht leisten. Die Qualität und die Seriosität dieser Firma sind der Grund, warum wir trotzdem seit vielen Jahre eine Geschäftsbeziehung zu PUH haben.

Umso überraschter stellte ich kürzlich fest, dass auf mehreren Internetseiten Werbeblöcke mit Artikeln von PUH auftauchten. Die Internetseiten haben höchstwahrscheinlich keinerlei Beziehung zu PUH und wurden offensichtlich von anderen Organisationen oder Firmen eingeblendet. Es waren Werbeblöcke, die sich eineutig auf unseren letzten Kauf bei PUH bezogen und eine verblüffende Kenntnis über unseren Geschmack verrieten. Spontan dachte ich: Da hat PUH wohl aus dem Nähkästchen geplaudert und Interna preisgegeben. Doch den Gedanken verwarf ich sofort wieder, er stand im Widerspruch zu der oftmals erfahrenen Seriosität der Firma. Ich vermutete dann eher ein unrechtmäßiges Eindringen in den Server von PUH und teilte der Firma meine Besorgnis mit.

Der Kundendienst fon PUH reagierte per EMail und versicherte, dass diese Werbung nicht aktiv von der Firma veranlasst werde. Ich wurde darauf verwiesen, dass es sich dabei um eine Google-Funktion handle und dass Google erkenne, für welche Seiten ich mich interessiere und dass Google daraufhin die Werbung unterbringe. Es folgte noch ein Hinweis auf die entsprechenden Google-Information, einschließlich der Möglichkeit der Deaktivierung. Ich habe natürlich deaktiviert, obwohl es Unsinn ist. Das Problem ist ja nicht die Werbung an sich, sondern die Datensammelei, die dahinter steht, und die lässt sich weder kontrollieren noch deaktivieren.

Keine aktive Veranlassung von Werbung also. Wieder so einige spontane Gedanken: Heißt das auch, keine aktive Weitergabe von Daten? Und wenn nicht aktiv, was ist mit passiver Datenweitergabe, z.B. durch Öffnen des Servers oder auch nur durch unzureichende Absicherung der hochkritischen, kundenbezogenen Bereiche? Klar, auch den Gedanken habe ich sofort wieder verworfen, wegen der Seriosität der Firma (siehe oben).

Nun allerdings wird's kompliziert: Wenn sich Google die Daten nicht vom Server holen kann, woher dann? Dadurch, dass die von mir aufgesuchten Seiten registriert werden, etwa an Hand der IP-Adresse? Wird jeder meiner Schritte im Internet aufgezeichnet und ausgewertet? Wahrscheinlich ist das so, und je mehr Unfug wie die kundenbezogene Werbung getrieben wird, desto größer sind die Anreize, möglichst lückenlos den Internetverkehr zu überwachen. Und dennoch bleibt eine Frage offen: Woher weiß Google, dass wir bei PUH ein violettes T-Shirt gekauft haben? Steht das in den Cookies? Ich sah mir daraufhin die Cookis an und stellte fest, dass diese Plätzchen nur wenig Einträge enthalten, die zudem noch codiert sind. Kein Rückschluss auf die gekauften Waren, es sei denn ... Nein nicht schon wieder einen gemeinen Verdacht aufkommen lassen.

Bei diesen ganzen Gedankengängen fiel mir auf einmal ein, dass die Werbeblöcke, die übrigens nach meinem Vorsprechen bei PUH nicht mehr auftauchten, gar nicht den Hinweis auf Google enthielten, sondern auf einen Laden namens "Criteo" verwiesen. Vielleicht gibt's auf der Criteo-Seite eine Erklärung? Ich ging auf die Seite, und tatsächlich, ich stieß auf eine Firma, die mit personenbezogener Werbung ihr Geld verdient. Eine Firma, die sich rühmt, gigantische Datenmengen zu sammeln und auszuwerten. Eine Firma, die nach eigenen Angaben hochleistungsfähige, selbstlernende Algorithmen entwickelt und einsetzt. Auf der Internetseite sind irgendwo die Konterfeis der Protagonisten zu sehen, gut aussehende Männer, Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit ausstrahlend. Einen Firmensitz konnte ich nicht ausmachen, offenbar agiert die Firma überall und nirgends, wie eine Briefkastenfirma. Ich versuchte herauszukommen, wie sie um Kunden wirbt. Hier ein Auszug (ich zitiere wörtlich):

  • "Maßgeschneiderte Segmentierung, die auf Basis von Hunderten branchenspezifischen Variablen die Kaufwahrscheinlichkeit eines Nutzers ermittelt"
  • "Individuell erzeugte Produktempfehlungen in Echtzeit"
  • "Dynamische, auf jeden einzelnen Nutzer abgestimmte Werbemittel individualisiert auf Basis von branchenspezifischen Faktoren, die entscheidend für eine Conversion sind"
  • "Skalierbare Ergebnisse mit CPC-Preismodell, abgestimmt auf Ihr Cost of Sale-Ziel"

Das Geschäftsmodell in einem Satz:

  • "Auf Grundlage eines transparenten Cost-per-Click-Modells bieten wir personalisiertes Performance Advertising mit weltweiter Reichweite und einfach messbarem ROI."

Manager-Blaba, im Grunde nichtssagend und abstoßend. Wo sachliche Argumente fehlen oder nicht preisgegeben werden sollen, wird die Überzeugungskraft mit Fachchinesisch "skaliert". In der Tat, die IT-Welt versackt immer tiefer im Sumpf. Immerhin lässt die Webseite von Criteo erahnen, dass hier Klicks gezähllt werden, womit PUH wohl aus dem Schneider ist.

Bleibt nur noch eine Frage im Raum stehen: Google oder Criteo verdienen natürlich an der Werbung. Die Betreiber von Seiten, auf denen die Werbung sichtbar wird, verdienen ebenfalls, ja sie finanzieren oft sogar ihre Internetpräsenz, indem sie Werbung zulassen. Doch einer muss den Spaß ja bezahlen. Woher kommt also das Geld?